Leseprobe

Auszug aus dem Buch:

Halt bloß die Klappe
– Als konservativer Student am Otto-Suhr-Institut

von Lion Edler

Der „Gender-Tag“ bei der Kennenlern-Fahrt im ersten Semester

Freitag, 11.11.2011
Der „Gender-Tag“. Eine Colloque-Leiterin namens Michelle sagt am Anfang der Sitzung, dass sie nun erstmal erklären wolle, warum man das Thema so interessant finde, dass man sich einen ganzen Tag damit beschäftigen wolle. Schließlich würden ja „gerade Frauen“ immer wieder sagen: Wozu brauche man das denn noch, Frauen seien doch längst gleichberechtigt. Und da kommt die Erklärung von Michelle: Die Einteilung in Mann und Frau sei eines der wichtigsten Kriterien, nach denen man Menschen einteile. Die Colloque-Leitung finde jedoch, dass Normen für Geschlechterrollen hinterfragt werden müssten. Colloque-Leiterin Miriam zitiert denn auch die Feministin Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.

(…)

Mittagessen:
Marlene: Sie habe den „Gender“-Tag bislang doch interessant gefunden, besonders den Punkt „Diskriminierung von Frauen durch Frauen“. Das mache sie selbst auch „ganz krass“, und das sei ihr nun erst richtig bewusst geworden.

Weil ich keinen Platz an den großen Tischen mehr bekomme, muss ich mich an den Zwei-Personen-Tisch mit dem Colloque-Leiter Simon setzen. Er fragt mich gleich aus, wie es mir bisher gefallen habe und so. Man dürfe ja die Fragen in dem „Positionierungs-Spiel“ nicht zu suggestiv machen, meint er. Daraufhin ich, weil er nach den richtigen Worten suchte: „Du meinst, dass man nicht in eine Meinung gedrängt wird” – Ja, sagt er, so meinte er das. Man wolle natürlich auch immer Meinungen hören, die nicht mit dem „Mainstream“ schwimmen; er hoffe, dass das gelungen sei. Andererseits gebe es auch absoluten Unsinn, den man dann auch irgendwann nicht mehr hören wolle. Das sei „ein ganz schmaler Grat“.

Nach dem Mittagessen wird ein Text gelesen: Isabell Lorey – „Der Körper als Text und das aktuelle Selbst: Butler und Foucault“.

Im Text geht es darum, wie viele Geschlechter es gibt. Nach einer sehr feministischen Lesart lautet die Theorie wie folgt: Der Mensch habe nicht nur ein „biologisches Geschlecht“, sondern auch ein „soziales Geschlecht“, welches aber nur durch gesellschaftliche Normen aufgezwungen werde. Ein Junge verhalte sich also nur männlich, weil ihm das von der Gesellschaft so eingetrichtert werde, und bei Mädchen gelte das Selbe. Also entsprechend dem Satz von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“. Das sogenannte „soziale Geschlecht“ wird dabei mit dem englischen Fachbegriff als „gender“, und das „biologische Geschlecht“ als „sex“ bezeichnet. Die Autorin des von uns hier gelesenen Texts geht nun aber noch einen Schritt weiter und zweifelt nun auch die Existenz von zwei biologischen Geschlechtern an; in dem für mich ziemlich unverständlichen Text von Isabell Lorey aus dem November 1993 heißt es unter Anderem:

Butler will mit einem dekonstruktivistisch-diskurstheoretischen Ansatz Denkmuster, die auf Essenzen und natürliche Tatsachen rekurrieren, überschreiten. Exemplarisch diskutiert sie dies an der für feministische Theorie zentralen Auseinandersetzung um die Trennung von „sex“ und „gender“. (…) Erklärungsmuster, die soziales Frau-Sein aus dem weiblich anatomischen Körper ableiteten, konnten so zurückgewiesen werden.“ (Quelle: Martina Althoff, Magdalena Apel, Mechthild Bereswill, Julia Gruhlich, Birgit Riegraf: „Feministische Methodologien und Methoden – Traditionen, Konzepte, Erörterungen“, 2., erweiterete und aktualisierte Auflage, S.406 ff.)

Die „binär(en) anatomischen Merkmale“ von Männern und Frauen seien allerdings eine „Tatsache“. Dieses Zugeständnis wird später im Text jedoch relativiert:

Dieser Mechanismus verschleiert indes, dass der natürliche Körper nicht vor dem bezeichnendem Diskurs liegt, also prädiskursiv ist, sondern durch die wiederholten darstellenden Akte oder Handlungen erst in seiner Bezeichung als „weiblicher“ oder „männlicher” hervorgebracht wird. In diesem Sinn ist der Körper eine Bezeichnungspraxis (ebd., 204). Somit ist die „Tatsache” einer binären Anatomie keine unhinterfragbare Prämisse, sondern in ihrer Faktizität der Effekt einer historisch spezifischen Bezeichnungspraxis“.

Ich bin am Rätseln: Ob die Autorin damit etwa sagen will, dass, wenn man einem Mädchen sagt, dass es ein Junge sei, diesem Mädchen dann ein Penis wächst?

Florian kommt zu dem Schluss, dass die Arbeitsergebnisse zum Thema „Natur“ zeigen würden, dass die Studenten sich hier besonders schwer damit getan hätten, besonders naheliegende und die Natur quasi definierende Begriffe zu finden. Das zeige: „Was ist denn die Natur? Niemand kann das sagen.“ Daher sei es völlig unangebracht, beispielsweise von Tieren irgendwelche Schlussfolgerungen auf menschliche Sexualität zu ziehen. Denn dies würde zu Ausgrenzungen und Diskriminierung führen. Ein Colloque-Leiter meint, das „soziale Geschlecht“ werde aufgezwungen, indem man zum Beispiel „das Kind nur mit dem einen Spielzeug spielen lässt und so weiter“.

Florian erklärt, er wolle über die heutige Veranstaltung eine Arbeit schreiben. Wer die Arbeit haben wolle, der solle ihm „seine, ihre, es’se Mail-Adresse geben“. Gelächter bei Einzelnen im Publikum, als Florian tatsächlich „es’se“ sagt und das ernst meint.

In der Diskussion fragt dann ein Tobias mit Obama-Shirt unsicher noch einmal zum Text von Isabell Lorey, wie denn die Sache mit dem Penis gemeint sei…? Schließlich sei es doch nunmal so, dass es Penis und Vagina gebe…? Und einem Mädchen, das als Junge erzogen wird, wachse doch dadurch kein Penis?

Das habe die Autorin „überhaupt nicht so gesagt“, meint Florian daraufhin in empörten Tonfall, als ob Tobias böswillig die Autorin diskreditieren wollte. Bei „vielen“ Menschen, so Florian, könne man das biologische Geschlecht jedoch nicht so eindeutig medizinisch zuordnen. Die Autorin habe auch zeigen wollen, „wie wir in unseren Gen-Pool eingreifen“…
Doch noch einmal fragt Tobias nach: Wie sei das denn bei den Tieren? Gebe es da auch überall so viele Geschlechter zwischen männlich und weiblich? Antwort von Florian: Allein die Frage zeige, dass der Ansatz vollkommen fehl gehe. Schließlich deute diese Frage an, dass man von der Natur Rückschlüsse auf menschliche Sexualität ziehen könne, „womit wir wieder beim Thema soziale Ausgrenzung sind“, sagt Florian vorwurfsvoll. Tobias schüttelt nun mit dem Kopf und beginnt sich offen über Florian zu erregen. Obwohl Tobias gemäß der „Reder_innenliste“ noch gar nicht an der Reihe ist, äußert er sich zu Wort („Wenn ich hier persönlich angegriffen werde, muss ich mich doch verteidigen!“). Er habe überhaupt nicht irgendwelche Rückschlüsse aus der tierischen Biologie ziehen wollen; das werde ihm nur von Florian in den Mund gelegt. Florian: „Du hast darauf rekurriert.
Tobias: Nein, er habe überhaupt nicht darauf rekurriert. Dass Florian ihm dies in den Mund lege, das finde er nun „problematisch“.

Die Anderen sind inzwischen etwas genervt von dem Zweiergespräch, weshalb Marlene diplomatisch meint, dass die biologischen Dinge hier doch sowieso niemand beurteilen könne, weil niemand über entsprechende Fachkenntnisse verfüge. Wir seien nun einmal Politikstudenten und keine Biologen. Sie schlägt daher vor, bei Gelegenheit einen Biologen ins Colloquium einzuladen, der uns das erklärt.